Samstag, 18. Juli 2015

Deutschland lebt auf Kosten des Auslands

Die Eurozone steckt seit fast sechs Jahren in einer Rezession. Und die EU-Behörden sind nicht in der Lage, die grundlegenden Probleme anzupacken. Die europäischen Entscheidungsträger erweisen sich nach und nach wirtschaftspolitisch handlungsunfähig. Während es an Wachstum fehlt, bestehen Brüssel und Berlin wider besseres Wissen auf Austerität.

Vor diesem Hintergrund befasst sich Ben Bernanke in seinem Blog mit der Frage, wie sich die relative Stärke der deutschen Wirtschaft gegenüber dem Rest der Eurozone erklärt.

Deutschland hat davon profitiert, eine Währung (nämlich den Euro) zu haben, die im internationalen Vergleich deutlich schwächer ist als wenn Deutschland seine eigene Landeswährung hätte, argumentiert der ehemalige Fed-Präsident.

Deutschlands Mitgliedschaft in der Eurozone hat wichtige Impulse für das deutsche Export-Geschäft ausgelöst, im Verhältnis zu dem, was der Fall wäre, wenn Deutschland eine unabhängige Währung hätte.

Was laut Bernanke ein Problem ist, dass Deutschland es vorgezogen hat, sich auf das Ausland zu stützen, anstatt auf die Binnennachfrage, um Vollbeschäftigung zu gewährleisten, wie es zum im hohen Überschuss der Handelsbilanz zum Ausdruck kommt: 7,5% des BIP.


Arbeitslosigkeit: Deutschland versus Rest der Eurozone, Graph: Ben Bernanke in Brookings 

In einem festen Wechselkurssystem wie der EWU sind solche persistente Ungleichgewichte ungesund, was die Nachfrage und das Wachstum der Handelspartner drückt und Finanzströme potenziell destabilisiert, unterstreicht Bernanke weiter.

Deutschlands grosser Handelsüberschuss legt die Last der ganzen Anpassung auf die Schulter der Länder mit Handelsbilanzdefizit, die eine schmerzhafte Deflation der Löhne und andere Kosten ertragen müssen, um wettbewerbsfähiger zu werden.

Deutschland könnte dazu beitragen, das Gleichgewicht in der Eurozone wiederherzustellen, dadurch dass es die Ausgaben im Binnenmarkt ankurbelt, z.B. via mehr Investitionen in die Infrastruktur und höhere Löhne für deutsche Arbeitnehmer, was den inländischen Verbrauch stimulieren würde, wie Bernanke weiter erläutert.

Solche Massnahmen fordern von Deutschland auf die kurze Sicht kaum Opfer und lägen auch im langfristigen Interesse des Landes, wodurch auch das Risiko der Euro-Auflösung verringert würde.

Fazit: Was Bernanke nahelegt, ist nicht anders als der Staat handeln muss, weil die hohen Ersparnisse sich sonst nicht einfach so zu Investitionen verwandeln lassen. Jemand muss das Geld aufnehmen und ausgeben. Das ist zur Zeit die öffentliche Hand, die den Konsum und die Investitionen anregen kann.

Europa steckt sonst aufgrund der neoliberalen Wirtschaftspolitik der europäischen Entscheidungsträger via Austerität und Lohnkürzungen noch tiefer im Teufelskreis, was noch mehr Arbeitslosigkeit und Elend bedeutet.



1 Kommentar:

Otze Worman hat gesagt…

S=I okay, deren essenzielle bedeutung akzeptiert, aber alles andere was bernanke schreibt ist grober unfug. die löhne in deutschland sind nicht zu niedrig, eher schon zu hoch. die großen streiks in diesem land (bahn, post, erzieher/innen, dienstleier(VERDI)) haben den institutionen ne nur großen schaden zugefügt sondern m.E. auch löhne über die produktivität gehoben und das ist das gift das griechenland ins Elend gestürzt hat, denn die Welt gibt den Ton an, nicht europa! Löhne gemäß produktivität = wettbewerbsfähigkeit, dieser mechanismus darf niemals, wie in griechenland, außer kraft gesetzt werden. und es zwingt ja niemand zum importland, wenn die griechen so teuer sind dass sie lieber tomaten aus holland etc importieren als selbst herzustellen obwohl sie in anderen bereichen weder absolute noch komparative kostenvorteile haben, dann is es ne die deutsche schuld als exporteur. im übrigen was südeuropa betrifft hat deutschland gegen ware lediglich kredit im target II system bekommen, der nie einlösbar sein wird...