Montag, 6. Juli 2015

Zahlen zur europäischen Austeritätspolitik für die griechische Wirtschaft

Yanis Varoufakis ist heute nach eigenen Angaben zurückgetreten.

Der griechische Finanzminister hat kurz davor als erste Reaktion auf das Ergebnis des Referendums (Nein: 61,3%, Ja: 38,7%) in seinem Blog geschrieben, dass “unser Nein ein majestätisches Ja zu einem demokratischen, rationalen Europa” ist.

Das Ergebnis der Volksabstimmung legt nahe, dass Tsipras und Syriza einen grossartigen Sieg im Streit gegen die stumpfsinnige Austeritätspolitik von Brüssel und Berlin errungen hat.

Die zugrundeliegende (makroökonomische) Frage war von Anfang an, wenn man alle Polemik, die die Debatte umringt, auslässt, ob harsche Sparmassnahmen (austerity) die Schuldenlage eines Landes wie Griechenland überhaupt verbessern können. Wenn ja, wie lange es dauern würde?

Die Troika hat sich stetig darauf berufen, dass Griechenland den Primärüberschuss (primary surplus), d.h. der Haushaltssaldo vor Zinszahlungen, steigern muss. 

Problematisch ist aber, dass ein Primärüberschuss von 1%, wenn das betreffende Land nicht über eine eigene unabhängige Geldpolitik verfügt, mehr als “1 zu 1 Austerität” fordert.


Griechenland, Streudiagramm; ja, das ist eine (rohe) Phillips Kurve, Graph: Paul Krugman in NYTimes

Paul Krugman rechnet in seinem Blog aus, dass das Land (mit einer Schuldenstandsquote von 170% des BIP) in diesem Fall seine Ausgaben um 2% (im Verhältnis zum BIP) senken müsste, da die Austerität die Wirtschaft verkleinert und die Einnahmen der öffentlichen Hand verringert.

Das bedeutet, dass ein Primärüberschuss von 1% zu einem Rückgang von 3% des BIP führt.

In einer kleinen Volkswirtschaft steigt die Schuldenstandsquote (debt-to-GDP) relativ schnell. Der Versuch, den Primärüberschuss um 1% zu erhöhen, steigert die Schuldenstandsquote um 5% (0,03*170). Das wiederum bedeutet, dass es 5 Jahre in Anspruch nehmen würde, die Schuldenstandsquote darauf zurückzubringen, wo sie stehen würde, wenn es keine Austerität gäbe.

Das ist nicht alles in der ganzen Geschichte: Eine schwache Wirtschaft bedeutet eine geringere Inflation (oder schnellere Deflation), wodurch die Schuldenstandsquote tendenziell weiter steigt.

Fazit: Ein Anstieg des Primärüberschusses um 1% führt zu einem Rückgang des BIP um 3% und reduziert die Inflation um 0,7% (3*0,23).

Die Schuldenstandsquote würde in diesem Fall (Ausgangspunkt: 170% des BIP) jedes Jahr um 1% steigen. Der Versuch, die Staatsausgaben zu kürzen, erhöht also die Schuldenstandsquote, nicht nur auf die kurze Sicht, sondern ewig.

Fallende Preise in Griechenland könnten zwar das Exportgeschäft ankurbeln und damit zum Wachstum der Wirtschaft beitragen. Aber das würde laut Krugman auf die sehr lange Sicht passieren; man denke dabei nicht an Jahre, sondern an Jahrzehnte.

Daraus folgt, dass die Austeritätspolitik im Fall Griechenland einfach nicht funktioniert. Und das griechische Volk hat gesagt, dass es damit Schluss ist, die Gürtel immer weiter enger zu schnallen.


PS: Ob ein Schuldenstand nachhaltig ist, hängt nicht allein von der Höhe der Schulden ab, sondern auch den von Zinsen und dem Wirtschaftswachstum. Wenn die Wirtschaft schneller wächst als der Schuldenberg, geht die Schuldenquote (debt-to-GDP) zurück.




Kommentare:

Martin Ha hat gesagt…

Interessant. Aber selbst Varoufakis scheint nicht mehr an den Erfolg dieser Position zu glauben. Wieso wirft er jetzt das Handtuch?

Acemaxx-Analytics hat gesagt…

Er schreibt ja in seinem Blog, dass “einige Teilnehmer der Euro-Gruppe seine Abwesenheit in den Sitzungen vorzögen”. Das sei eine Idee, die laut Ministerpräsident möglicherweise helfen könnte, um mit der Troika doch noch eine Einigung zu erzielen. Aus diesem Grund lege er sein Amt nieder.

Johannes hat gesagt…

Vielleicht liegt es auch daran, dass er die Ausweglosigkeit dieser Abstimmung erkannt hat.

Martin Ha hat gesagt…

Er ist doch der Protagonist des Widerstandes gegen die EU und gegen die Austerität. Und jetzt scheint er gescheitert zu sein. Selbst sein eigener Ministerpräsident lässt ihn gehen.