Mittwoch, 29. März 2017

Ein Staat ist nicht ein Unternehmen

US-Präsident Donald Trump hat am Montag in einem Memorandum die Gründung von „White House Office of American Innovation“ (OAI) angekündigt.

Das OAI wird von Jared Kushner, dem hochrangigen Berater und dem Schwiegersohn von Trump geführt. Das Ziel sei, die Staatsbürokratie mit Einsichten aus dem Geschäftsleben besser zu gestalten.

Der Staat soll wie ein grosses amerikanisches Unternehmen geleitet werden, hat Kushner zusammenfassend erklärt.

Stephen Colbert hat sich gestern in The Late Show („Chief White House Nepotism Beneficiary“) des Themas sofort angenommen und köstlich präsentiert, warum die Analogie vorgetäuscht und irrefführend ist. 

Kushner liegt falsch, lautet auch das Fazit eines Kommentars in FT aus London: Die Regierung soll nicht wie ein tolles Unternehmen geführt werden, sondern wie eine grossartige Demokratie laufen, was viel schwieriger ist zu handhaben.

Denn eine nationale Wirtschaftspolitik muss (auch in kleinen Ländern) die Art von Rückkopplungen mitberücksichtigen, worauf es im Geschäftsleben nur selten ankommt. 

Selbst die grössten Konzerne verkaufen nämlich lediglich einen kleinen Anteil dessen, was sie herstellen, an die eigenen Mitarbeiter, während sogar sehr kleine Länder die meisten Güter und Dienstleistungen an sich selbst verkaufen.


Der fiskalpolitische Spielraum und Produktionslücke in G3 Volkswirtschaften, Graph: Morgan Stanley

Dienstag, 28. März 2017

The Sharing Economy


Buchbesprechung

Arun Sundararajan: The Sharing Economy – The End of Employment and The Rise of Crowd-Based Capitalism, MIT Press, Cambridge, Massachusetts, London, 2016.

Die Herstellung und Wiederherstellung von sozialen Beziehungen über Tausch und Verbreitung von Dingen ist kein neues Phänomen. Eine Vielzahl von Formen des gemeinschaftsbasierten Austausches hat auch in der Vergangenheit existiert. 

Was heute neu ist, ist die Verfügbarkeit von freier Software im Zusammenhang von dezentralisierter Datenverarbeitung und drahtlosen Netzwerken, die die gemeinschaftliche Nutzung von Produkten, Ressourcen und Kenntnissen mit einer ausgeprägten Intensität erleichtern.

Und der Gemeinplatz „Besitzen vs. Teilen“ markiert nun den fulminanten Aufstieg der sog. „Sharing Economy“ endgültig.

Die Plattform-basierten Geschäftsmodelle (peer-to-peer), wo sich Tauschpartner treffen, kennzeichnen im Grunde genommen die vollkommene Vereinigung von zwei Eigenschaften: 

Erstens: „Zugriff ohne Inhaberschaft. Und zweitens die Besonderheit der Netzwerke, die die Hierarchien verdrängen“, wie Arun Sundararajan in seinem vor Begeisterung strotzenden neuen Buch darlegt.

Die wesentlichen Antreiber sind: (1) Die Entwicklung von digitalen Plattformen, die es Unternehmen ermöglichen, auf der ganzen Welt Arbeitnehmer zu rekrutieren, (2) die technologischen Veränderungen, die es Mitarbeitern ermöglichen, Kunden in jedem Ort zu bedienen und (3) der Zutritt hochbevölkerter Länder (z.B. Indien und China) in die globale Wirtschaft.

Montag, 27. März 2017

Der deutsche LB-Überschuss und Budgetdefizite im Ausland


Der Sachverständigenrat hat vergangene Woche seine Konjunkturprognose für die deutsche Wirtschaft vorgelegt und seine Wachstumsaussichten für das Jahr 2017 leicht nach oben revidiert.

Der Sachverständigenrat nimmt zugleich auch der „in jüngster Zeit verstärkt geäusserten Kritik am hohen deutschen Leistungsbilanz-Überschuss“ Stellung.

Die daraus abgeleiteten Handlungsempfehlungen hält der Sachverständigenrat für nicht stichhaltig und stellt sich auf den Standpunkt, durch angebotsseitige Massnahmen Investitionsanreize zu stärken.

Obwohl die EU-Kommission in einem im November 2016 präsentierten Bericht (Alert Mechanism Report 2017) mit Hinweis auf Art. 3 und Art. 4 des Vertrags über die EU festhält, dass Deutschlands Leistungsbilanzüberschuss ein makroökonomisches Ungleichgewicht (*) darstellt, findet der Sachverständigenrat, dass der deutsche Leistungsbilanzüberschuss zwar hoch sei, doch kein makroökonomisches Ungleichgewicht darstelle.


Einkommen und Konsum der privaten Haushalte in Deutschland, Graph: Prof. Peter Bofinger in: Konjunkturprognose für 2017 und 2018

Freitag, 24. März 2017

Der neutrale Zins und die Geldpolitik im Euroraum

Neel Kashkari, Minneapolis Fed-Präsident hat neulich in seinem Blog unterstrichen, dass der Gleichgewichtszins für die US-Wirtschaft heute auf null liegt oder sogar vielleicht etwas negativ ist.

Der natürliche Zinssatz (equilibrium real interest rate) ist der theoretische Realzins, wo die Inflation weder steigt noch fällt und die Wirtschaft Vollbeschäftigung hat.

Es handelt sich dabei um einen Orientierungswert (benchmark), um zu beurteilen, ob die Geldpolitik akkommodierend oder restriktiv ist.

Der Gleichgewichtszins kann nicht beobachtet werden; er muss geschätzt werden. Eine aktuelle Schätzung der Banque de France legt nahe, dass der natürliche Zins im Euroraum seit 2009 nahe null liegt oder sogar negativ ist.

Tatsache ist, dass die konventionelle Geldpolitik Mühe hat, während die nominalen Zinsen nahe Null-Grenze (zero lower bound) liegen und die Inflationserwartungen moderat sind, die Inflation in Richtung Zielwert steigen zu lassen.


Der neutrale Zins für den Euroraum liegt seit 2009 nahe null oder negative, Graph: Banque de France

Donnerstag, 23. März 2017

Verschuldung, Inflationsziel und Finanzierungssalden


Im Gegensatz zur herkömmlichen Meinung war die globale Krise von 2008 (abgesehen vom Fall Griechenland) nicht durch Staatsverschuldung ausgelöst.

Bemerkenswert ist jedoch, dass die Staatsverschuldung heute höher liegt als vor der Krise. Aufgrund der niedrigen Zinsen stellt dies aber zumindest kurzfristig kein Problem dar. 

Die Finanzierung der Staatsschulden war in der Geschichte noch nie so günstig wie heute. Die anhaltenden Niedrigzinsen deuten aber darauf hin, dass private Haushalte und Unternehmen derzeit nicht gewillt sind, Kredit aufzunehmen.

Ein Grund mag sein, dass der Privatsektor mit dem Schuldenabbau (deleveraging) beschäftigt ist. Das würde bedeuten, dass die Wachstumsschwäche noch länger anhält, bis zumindest der Schuldenberg abgetragen ist. Das ist die Erklärung der sog. „debt-overhang“-Hypothese.


Die gegenwärtige Inflation im Vergleich zum Zielwert der jeweiligen Notenbanken, Graph: Morgan Stanley

Mittwoch, 22. März 2017

Interview: Prof. Jonathan Portes, King’s College London

Jonathan Portes is Professor of Economics and Public Policy at the King’s College London


Prior to EU’s 60th anniversary of its founding (Treaty of Rome, March 25th, 1957), London did trigger Brexit process invoking Art 50. Is UK opening Pandora’s box?

It’s not the beginning of the end (of Brexit) – it’s but definitely the end of the beginning. Despite the fixation in the UK on the precise date and the legal niceties of the Article 50 process, the most important event of the weeks to come will not be the notification itself but the EU response to it; and the political and economic dynamics that that sets into motion.

If things go according to plan, we're headed for the usual EU negotiating scenario: long interludes of tedium and small print, interspersed with episodes of late-night brinkmanship, ending eventually in a compromise no-one likes, but everyone will describe as a victory.

But if politics - either here or on the continent - derails the process, we could soon find that far from "taking back control", we have done precisely the opposite.  The consequences for the EU would be very damaging; for the UK they could be disastrous.

However, the fears (or hopes in some quarters) that Brexit will lead to the disintegration of the EU seem overblown.  If anything, the prospect of Brexit seems to have given an impetus to EU politicians to unite, and made electorates in the rest of Europe more nervous about electing anti-EU populists.

Dienstag, 21. März 2017

Negativzinsen und Banken

Die EZB hat im Juni 2014 den sog. Einlagensatz für Zinsen von 0 auf minus 0,10% gesenkt.

Der Zinssatz wurde im Verlauf der Zeit weiter gesenkt. Heute beläuft sich der Satz für Deposit Facility auf minus 0,40%.

Die SNB hat im Dezember 2014 Negativzinsen eingeführt: -0,25%. Guthaben auf Girokonten der Banken werden mittlerweile mit einem Zins in Höhe von minus 0,75% belastet.

Doch die Retailbankkunden sind bisher vor Negativzinsen verschont geblieben. Negativzinsen sind aber umstritten. Die Banken fürchten seither Konsequenzen. Belastung von Rentabilität ist die Rede. 

Sind Spargelder in Gefahr, lautet eine der am häufigsten aufgeworfenen Fragen. 

Wichtig ist jedoch aus Sicht der Sparer, nicht nur auf die nominalen, sondern auf die realen Zinsen (d.h. um die Inflation bereinigt) zu achten. 

Der Realertrag auf dem Sparkonto ist heute z.B. in Deutschland seit Ende 2013 positiv.


Rückgang der Margen im Einlagengeschäft, Graph: Credit Suisse Research, March 20, 2017.