Donnerstag, 9. Mai 2013

Die Inflationslüge


Buchbesprechung:

Mark Schieritz: Die Inflationslüge. Wie uns die Angst ums Geld ruiniert und wer daran verdient. Droemer Knaur, München, 2013.


Es ist der staatlichen Geldschöpfung aus dem Nichts (fiat money) zu verdanken, dass moderne Marktwirtschaften heute funktionieren. Werden die Erwartungen im Markt im Hinblick auf die Zukunft durch einen Schock schwer verdüstert, muss der Staat stabilisierend eingreifen, damit Sparen und Investieren wieder Wachstumsdynamik entfalten. Vor diesem Hintergrund markiert die inzwischen viel zitierte Aussage des EZB-Präsidenten Mario Draghi im Sommer 2012 „alles zu tun, um den Euro zu retten“ einen Wendepunkt in der Euro-Krise. Dadurch ist es gelungen, die Panik an den Finanzmärkten zu stoppen.

Die EZB hat nämlich versprochen, die Banken im Euro-Raum mit Liquidität (LTRO) einzudecken. Draghi hat damit insbesondere Banken im Süden den Zugang zu Zentralbankgeld zugesichert. „Das Geld der EZB ersetzte dadurch das private Geld, das nicht mehr floss“, wie Mark Schieritz in seinem kürzlich erschienenen Buch schön beschreibt. „Die Aktionen der EZB in der Krise machen deutlich, dass die Rolle der Notenbanken darüber hinausgeht, durch die Wahl des Leitzinses das Preisniveau zu stabilisieren. Ihre Aufgabe ist es auch, in Krisensituationen dafür zu sorgen, dass die Panik an den Finanzmärkten nicht überhandnimmt“, fährt der Autor fort.

Die Idee geht auf Walter Bagehot, den britischen Ökonomen und Herausgeber der heute noch publizierten Zeitschrift „The Economist“ zurück: The lender of last resort. Wenn sonst niemand mehr Kredite vergeben will, springt die Zentralbank ein, als Kreditgeber der letzten Instanz, damit Banken und Staaten nicht kollabieren. Bei der Bewertung eines Geldmodells sollte es daher nicht darauf ankommen, wie der wirtschaftspolitischer Korrespondent der Zeit in Berlin hervorhebt, wer dafür ist und wer dagegen, sondern ob es dem Gemeinwohl dienlich ist oder nicht. Ohne die Interventionen der Zentralbanken wären die sozialen Kosten der Krise noch viel höher gewesen, weil die Wirtschaftsleistung noch stärker eingebrochen wäre.

Insbesondere solche Exkurse machen den Wert des Buches aus. Es geht um Mythen und den Einfluss, den die Mythen auf die Politik ausüben, nicht darum Inflation schönzureden. Deutschland erlebt seit dem Ausbruch der Euro-Krise eine Inflationsblase, obwohl die reale Gefahr von der Deflation her droht. Mythos 1: Die Hyperinflation der 20er Jahre hat den Untergang der Weimarer Republik verursacht und Adolf Hitler an die Macht gebracht. Schon rein zeitlich sind Zweifel an dieser Behauptung angebracht, bemerkt Schieritz: Die Hyperinflation war 1923 zu Ende. Hitler aber kam 1933 an die Macht.

Ausgehend von den drei Funktionen des Geldes (Tauschmittel, Wertaufbewahrungsmittel, Recheneinheit) erläutert der Blogger für die Laien ohne Floskeln, was unter Geld und Notenbankgeldmenge zu verstehen ist und wie moderne Zentralbanken funktionieren. Der Autor bemüht sich nach Kraft, die Leser nicht mit Fachausdrücken zu langweilen. Dennoch gibt es dazwischen genug Spielraum, Begriffe wie Buchgeld, Fristentransformation, Geldmultiplikator, Geldmenge, Mindestreserve usw. im Kontext mit Preis und Menge unkompliziert zu erklären.

„Das deutsche Trauma ist Inflation“, weil „der Monetarismus hierzulande keine wissenschaftliche Methode, sonder Ausdruck einer ökonomischen Weltanschauung ist“. Der Monetarismus ist zum Teil der ideologische Überbau in der von Konservativen geprägten deutschen Wirtschaftspolitik. Bis heute lehren deutsche Professoren, dass die Geldmenge die Preise treibt, hält der Autor fest. In einer Marktwirtschaft bestimmen die Preise, welche Güter hergestellt und verbraucht werden.

Das Zentralbankgeld (=Notenumlauf + Giroguthaben der Banken bei der Zentralbank) hat sich im Sog der Finanzkrise mehr als verdoppelt. Aber es kam nicht zu einem Anstieg der Inflation, weil die Produktionskapazitäten im Angesicht der mangelhaften Nachfrage unterausgelastet (output gap) sind und die restriktive Fiskalpolitik die Situation zusätzlich verschlimmert. Das Zentralbankgeld (genannt auch M0, d.h. monetary base) zirkuliert zwischen Banken und Notenbank. Die Banken halten sich mit Kreditvergabe (Angebot) zurück, weil sie damit beschäftigt sind, nach Kreditexzessen mit undurchsichtigen Finanzprodukten in der Vergangenheit die eigene Bilanz wieder in Ordnung zu bringen. Die Nachfrage der Unternehmen nach Kredit ist auch schwach, weil der Privatsektor noch immer mitten im Schuldenabbau-Prozess (deleveraging) steckt. Weniger Kredite bedeuten weniger Investitionen. Die Ausgaben des einen sind die Einnahmen des anderen. Es sind die Geschäftsbanken,die wie die Zentralbank Geld schaffen, ohne das vorher Geld gespart werden muss. Die Ersparnis, aus der sich der Kredit speist, entsteht gewissermassen im Nachhinein, schildert der Autor ganz schick.

Der Kredit schafft also das Einkommen. Erst wird investiert, dann gespart. Die gesamtwirtschaftliche Nachfrage ist m.a.W. die entscheidende Determinante der Inflation. Die Preise steigen, wenn die Lohnkosten steigen. Und die Lohnkosten steigen, wenn die Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen steigen. Es gelingt Schieritz, den Zusammenhang zwischen Sparen und Investieren im Lichte der gesamtwirtschaftlichen Logik eines einfachen Beispiels mit einer Sorte Apfel im Obstmarkt locker und überzeugend aufzuzeigen. 

Das Phänomen der Inflation lässt sich also erklären, ohne dass man sich mit der Menge des umlaufenden Geldes beschäftigen muss. Es ist der Preisanstieg, der durch eine hohe Nachfrage ausgelöst wird, der dafür sorgt, dass mehr Geld in Umlauf kommt. Die Geldmenge ist damit nicht Ursache, sondern Ergebnis wirtschaftlicher Entwicklungen. Die Unternehmen erhöhen die Preise nicht, weil sie in der Zeitung lesen, dass die Geldmenge gestiegen ist. Sie tun es, wenn ihre Kosten steigen und wenn sie ihre Produkte auch zu höheren Preisen loswerden können, wenn also das Geld dafür ausgegeben wird.

Der Autor hätte die Gelegenheit wahrnehmen können, im Abschnitt „Eine andere Art der Inflation“ auch die Unterschiede zwischen Kerninflation (core inflation) und der allgemeinen Inflation (headline inflation) kurz anzuschneiden. Das Konzept der Kerninflation wird zwar in Europa nicht grossgeschrieben. Aber in den USA und in den Lehrbüchern gewinnt das Thema um Kerninflation immer mehr an Bedeutung, vor allem in Zeiten wie Great Moderation oder wenn die Wirtschaft in einer Liquiditätsfalle steckt. Im Angesicht der heute in Europa vorherrschenden menschenverachtenden Haushaltskonsolidierung ist es angebracht, statt von Sparmassnahmen von Austerität zu sprechen. Das ist auf alle Fälle ein informatives, erfrischendes Buch. Mark Schieritz zeigt Mainstream-Ökonomen und Goldbugs, wo der Hammer hängt.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Na ja, schon Heinsohn (Eigentums-Ökonomik) war der Meinung, dass erst der Kredit, dann das Sparen kam. Es beschrieb es am Beispiel der Landwirtschaft: Kredit - Samen kaufen und Säen - Ernten - Kredit tilgen, Profit kumulieren.
Im Grunde genommen war das sogar eines der Grundsteine der Eigentums-Ökonomik. Vielleicht sollte man diese "Erkenntnis" nicht ganz so hochhängen - andere hatten sie auch schon.

endless.good.news hat gesagt…

Ein wenig Wahrheit steckt im Mythos 1.
Die Hyperinflation führte, unter anderem, zur Austeritätspolitik Brünings. Er wollte damit eine Inflation verhindern und ist kläglich gescheitert.

Anonym hat gesagt…

Es steckt mehr als nur ein wenig Wahrheit darin: Der überwiegende Teil der deutschen Bevölkerung hatte während der Inflation alles verloren; dies führte nicht nur zur Gründung einer relativ unabhängigen Notenbank sondern auch dazu, dass ein erneutes Inflationieren durch Brüning auch aus politischen Gründen völlig unmöglich war. Brüning _musste_ sparen - eine andere Möglichkeit hatte er gar nicht. Aber diese Erkenntnis - Austerität als unmittelbare Folge der Inflationserfahrungen - ist noch nicht überall angekommen, vorallem nicht bei diversen amerikanischen "Nobelpreisträgern". Für die eigene Argumentation wird sich nur das herausgepickt, was passt.

Zuguterletzt gilt stets, was Eucken schrieb: Zu jeder Zeit gelten zwar stets die gleichen Naturgesetze, nicht jedoch die der Ökonomie. Man kann Erkenntnisse von vor 100 Jahren schlicht nicht auf heute übertragen.